Die sitzende Gesellschaft: Risiken, Nebenwirkungen

Sitzend im Büro

Auf dem Weg zur Arbeit. Am Arbeitsplatz. Auf dem Weg zurück nach Hause. Während der Mahlzeiten. Abends vor dem Fernseher. Oder mit einem guten Buch in der Hand. Wir sitzen. Oftmals stundenlang. Jeden Tag. Kann das gut sein? Natürlich nicht.

Die Sitzzeiten in der modernen Gesellschaft haben sich über die letzten Jahre enorm erhöht. Es wird angenommen, dass es in der Geschichte der Menschheit noch keine Phase gab, in der Menschen so viel Zeit sitzend verbracht haben. Die Bedeutung von Bewegung und Sport für unsere Gesundheit ist hinreichend belegt. Viel zu ändern scheint das an unserer Lebensweise bisher aber nicht – obwohl die Folgen durchaus bedenklich sein können.

Zu viel Sitzen gefährdet die Gesundheit – und zwar ernsthaft

Die menschliche Wirbelsäule ist nicht für das Sitzen angelegt. Zu viel und zu langes Sitzen führt – teils schon kurzfristig – zu Rückenproblemen. Zudem entsteht ein Energieüberschuss, denn in aller Regel heißt viel sitzen ja nicht gleich weniger essen. Die Energie, die wir über unsere Nahrung aufnehmen, können wir nicht verbrennen, wenn wir uns kaum noch bewegen. Die häufige Folge ist Übergewicht, oftmals verbunden mit Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Diabetes.

Übergewichtiger Mann auf einer Bank © Royalty-Free/Corbis

Die sitzende Lebensweise kann im Extremfall zum sogenannten disuse syndrome führen: Organe und Organsysteme werden weniger beansprucht und verlieren dadurch an innerer Substanz und Qualität. Das begünstigt die Entstehung von Osteoporose oder Arthrose. In einer australischen Studie wurde festgestellt, dass die Länge der Sitzzeiten mit einem linearen Anstieg des Sterberisikos einhergeht. Weitere Studien bestätigen, dass ein überwiegend sitzender Lebensstil die Sterblichkeit bedeutend erhöhen kann.

Sport allein reicht nicht aus, solange der
sitzende Lebensstil nicht verändert wird!

»Sedentary lifestyle«, also die sitzende Lebensweise, kann durch Sport meist nicht vollständig ausgeglichen werden. Ausdrücklich zu empfehlen ist deshalb ein bewusstes Reduzieren der Sitz- und Inaktivitätszeiten.

Die sitzende Jugend

Ein besonderes Augenmerk gilt inzwischen der sitzenden Lebensweise von Kindern und Jugendlichen. Die Anzahl der übergewichtigen Kinder ist in den vergangenen 30 Jahren um 30 % gestiegen. Die Anzahl der Kinder, die bereits in jungen Jahren an Adipositas leiden, hat sich sogar verdoppelt.

Die Zahl der adipösen Kinder hat sich in den letzten 30 Jahren verdoppelt.

Die HELENA-Studie, eine EU-Studie aus dem Jahr 2011, zeigte, dass Jugendliche in Europa im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren durchschnittlich neun Stunden pro Tag sitzen. Ein Zusammenhang ist unverkennbar.

Was können wir für unseren Alltag, für unsere Lebensgestaltung aus diesen Ergebnissen ziehen?

Die Empfehlungen sind so weitreichend wie anspruchsvoll. Am wichtigsten: Sitzen, so gut es geht, vermeiden, möglichst oft unterbrechen und mit körperlicher Aktivität ausgleichen. Das gilt auch für schulische Verhältnisse. In diesem Zusammenhang sind besondere Verantwortlichkeiten, Herausforderungen und auch Durchsetzungsvermögen von [Sport-] Lehrern, Erzieher[inne]n sowie Eltern gefragt.

Kind mit Tablet

Viele Kinder verbringen große Teile ihrer Freizeit vor dem Bildschirm – sitzend. Bild: Nadine Doerle // Pixabay

Sitzen, so gut es geht, vermeiden!

Das Ausmaß der digitalen Versorgung von Kindern und Jugendlichen wächst permanent. Die meiste Zeit mit elektronischen Geräten wird im Sitzen verbracht. Abhilfe durch einen politisch-gesellschaftlichen Konsens zu erhoffen, scheint unrealistisch. Deshalb sollten Pädagogen und Eltern die Initiative ergreifen:

  • Sitzzeiten grundsätzlich reduzieren
  • Unterricht und Hausaufgaben gezielt durch Bewegungsphasen unterbrechen
  • Elektronische Medien möglichst spät zulassen und ihre Nutzung einschränken
  • Bildschirmzeiten vor dem TV- und PC-Gerät begrenzen
  • Elektronische Medien im Kinderzimmer nicht zulassen
  • Eine gesunde, ausgewogene Ernährung befördern
  • Die Teilnahme an Sport- und Bewegungsangeboten, z. B. im Sportverein, unterstützen und fördern

Diese Empfehlungen sind unter Umständen im Einzelfall differenziert zu betrachten. Eine konsequente Haltung von Pädagogen und Eltern ist aber auf jeden Fall hoch bedeutsam.

Für diesen Gastbeitrag bedanken wir uns bei Dr. Horst-Walter Hundte // Sportwissenschaftler und Gesundheitsökonom

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