Gesund kommunizieren statt krankreden (1/2)

Gespraech in der Sprechstunde

Wenn du mit einem Automechaniker darüber sprichst, wie er am besten dein Fahrzeug repariert und was für Werkzeuge er dabei benutzt, wirst du vielleicht nicht alles bis ins Letzte verstehen. Das ist auch nicht weiter tragisch – der Mechaniker wird schon wissen, was er tut, und im schlimmsten Fall geht das Auto kaputt und muss ersetzt werden. Anders verhält es sich in der Kommunikation mit deinem Arzt. Das Besondere hier: Du als Patient bist zwar fachlicher [medizinischer] Laie, zugleich aber auch ganz unmittelbar Betroffener. Typischerweise geht es im Gespräch mit deinem Arzt nicht um dein Auto, sondern ganz direkt um dich als Mensch und um deine Behandlung durch den Arzt. Eine erfolgreiche Kommunikation ist in der Medizin also besonders wichtig, gelegentlich gar wortwörtlich lebenswichtig.

Der Arzt als Fachmann oder Experte weiß [etwa bei der Auswertung von Untersuchungsergebnissen] in gewisser Weise mehr über den Patienten als dieser selbst – und genau dieses Wissen gilt es mit dem Patienten zu teilen. Die Herausforderung besteht dabei darin, die weiterzugebenden Inhalte von überflüssigem Fachwissen zu filtern, das beim Patienten nur für Verwirrung oder Überforderung sorgen könnte. Fachbegriffe, fachtypische Zeichen oder exakte Zahlen sind in aller Regel nicht nur unschön, sondern auch gar nicht notwendig, um dem Patienten zu erklären, woran er ist. Unnötiges Wissen – vor allem in Form von ungenauem ‚Halbwissen‘ – kann zuweilen eher verwirrend oder beängstigend wirken. So weit zunächst die Theorie. Wie sieht es in der Praxis aus?

Ein häufiges Problem: das Jonglieren mit Fachbegriffen

Allzu oft scheinen Ärzte zu meinen, ihre durch das wertvolle Medizinstudium erworbene fachliche Kompetenz auch in ihrem Sprachgebrauch unter Beweis stellen zu müssen. Sie glauben, das ginge am besten dadurch, dass sie möglichst viele medizinische Fachwörter benutzen, die der Patient nicht kennt und nicht versteht. Dadurch schaffen sie eine Aura der Unnahbarkeit um sich und demonstrieren, wer hier der Experte ist. Aber ist das der eigentliche Sinn eines Arzt-Patienten-Gesprächs? Wohl kaum!

»Wer auf andere Leute wirken will, der muss erst einmal in ihrer Sprache mit ihnen reden.«
—Kurt Tucholsky

Sinn und Zweck ist es vielmehr, dem Patienten zu erklären, wie sein Gesundheitszustand aussieht. Und wenn ich jemandem etwas erklären möchte, dann ist es doch eigentlich völlig klar, dass ich dazu in der Sprache derjenigen Person sprechen muss, oder?

Umgekehrt kann ich allen, die sich einmal in der Patientenrolle befinden, nur empfehlen: Fragt nach! Zwar ist es leider in der Tat so, dass ein Arzt schlicht und einfach nicht dafür bezahlt wird, verständliche, ausführliche Auskünfte zu geben. Der niedergelassene Hausarzt verdient sein Geld nicht damit, dass er sich Zeit für seine Patienten nimmt. Das ist sicher ein Fehler im System, den es dringend zu korrigieren gilt. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass es nicht nur für Patienten, sondern mittel- und langfristig betrachtet auch für Ärzte extrem wichtig und sinnvoll ist, sich Zeit zu nehmen für ausführliche, erklärende Gespräche. Nur ein Patient, der versteht, worum es geht, ist ein zufriedener Kunde. Und nur ein Patient, der versteht, worum es geht, kann selbst aktiv werden und im Sinne seiner eigenen Gesundheit handeln und leben – und damit bestenfalls langfristig unabhängig von einer ärztlichen Betreuung werden.

Noch ein häufiges Problem: das Schüren unnötiger Ängste

Ein Beispiel: Eine Dame hat Schulterbeschwerden. Die manuelle ärztliche Untersuchung zeigt gestörte Muskelfunktionen. Zur weiteren Klärung, ob etwa auch Störungen in den Knochen vorliegen, wird sie zum Chirurgen überwiesen, der zusätzlich ein Röntgenbild anfertigt. Er findet nichts und überweist die Patientin zur weiteren Bilddarstellung zum Radiologen. Dieser soll ein Kernspintomogramm anfertigen, welches neben den Knochen auch das Weichteilgewebe, also Muskeln, Bänder und Sehnen, darstellt. So weit, so gut.

Doch dann beginnt das Drama: »Oh, oh, das sieht aber gar nicht gut aus. Die Sehnen sind ja fast durch. Kein Wunder, dass Sie Schmerzen haben. Eiei, der Arm ist ja schon fast ab…«

Als Mediziner weiß man sofort, dass der letzte Satz deutlich übertrieben und auch wohl eher witzig/ironisch gemeint ist. Als Betroffene, ohnehin schon mit Ängsten und Sorgen zur Untersuchung gegangen, versteht man diesen ‚Scherz‘ jedoch nicht. Nachvollziehbar, dass die Dame da noch mehr Angst bekommt und sich kaum noch traut, ihren Arm zu bewegen.

Wenn der Arzt die Probleme nur verschlimmert…

Rein therapeutisch hat die Aussage des Radiologen überhaupt keine Konsequenzen. Radiologen haben gelernt, Bilder zu beurteilen. Die anschließende Therapie obliegt anderen Fachdisziplinen. Leider führt die unbedachte Aussage aber bei der Patientin zu solchen Ängsten, dass sie jede Bewegung ihrer Schulter meidet.

Im Zweifel: »Einfach mal Fresse halten!«

Das wiederum führt zu einer Schrumpfung der Gelenkkapsel, die der Schulter viel mehr schadet als die angerissene Sehne, die vielleicht sogar schon seit Jahren so ist, wie sie ist. Also »einfach mal Fresse halten«, wie Dieter Nuhr sagen würde? – Ja, manchmal wäre das wirklich sinnvoll.

Der anschließend behandelnde Arzt muss nun das kommunikative Ungeschick seines Kollegen ausbügeln und ganz von vorn anfangen. Mit viel Geduld muss er zunächst versuchen, die Patientin wieder zur Bewegung zu motivieren. Erst dann kann er sich daran machen, das ursprüngliche Problem, die Schulterbeschwerden, anzugehen, und geeignete Therapieschritte erschließen und einleiten.

Wir sehen: In der medizinischen Kommunikation kann man vieles falsch machen. – Aber natürlich auch vieles richtig! Im zweiten Teil dieses Beitrags liefern wir Ideen, wie die Kommunikation zwischen Arzt und Patient in der täglichen Praxis durch einfache und noch einfachere Mittel optimiert werden kann.

Kategorie Diskussion, Gesundheit

Dr. Michael Scheer ist Arzt und darüber hinaus ein ziemlicher Fortbildungsjunkie – etwas mehr Freizeit würde ihm durchaus manchmal guttun. Wenn er am Wochenende mal nicht in irgendeinem Seminarraum, sondern zu Hause in Paderborn ist, trifft man ihn sonntagvormittags schon mal in der Senne an, wo er mit dem Mountainbike Wege erschließt, die noch kein Mensch auf zwei Rädern zuvor befahren hat. ___ Kontakt: Praxis für Gesundheitsvorsorge & ganzheitliche Medizin // Im Quinhagen 1a // 33104 Paderborn // 05254 - 9305550 // termin@doc-scheer.de

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